Abstrakte (Gesellschafts-)Kunst: Booklet oder Erwachsenwerden?

Von RASKOL | Kaum etwas ist so frustrierend wie der Aufenthalt in einer Ausstellung zeitgenössischer Kunst, wenn man die Namen der Ausgestellten nicht kennt. Ohne nähere Informationen darüber, welche Stellung der Künstler in der Szene der Kenner einnimmt, wie teuer seine Werke gehandelt werden oder, besonders anstrengend, was das Anliegen seines Werkes ist, ist man so gut wie verloren.

Booklets können da die Helfer in der Not sein. In Museen fällt das besonders auf, da kann man meistens von der zeitgenössischen Ausstellung direkt in die Sammlung stolpern, wo sich die älteren Werke finden. Deren Namen sind mir meist gleichsam unbekannt—ich versuche immer vergebens, sie mir einzuprägen— aber ein Begleitheftchen brauche dort trotzdem meistens nicht. Ich erkenne was ich vor mir habe, in manchem kann man sich wohl eine Weile verlieren, anderes würde man sich vielleicht in den Flur hängen, wenn man es geschenkt bekäme. So oder so, die Wirkung scheint eher von dem auszugehen, was der Künstler getan, was er abgeliefert hat, als, wie heute so oft, von dem was er über sich und seine Kunst behauptet.

Jeder kann schnell sagen, was er vor sich hat und er es findet, ohne lang und breit über das Anliegen des Erschaffers informiert zu werden. Wann genau das begleitende Wort des Kurators zur Notwendigkeit wurde, kann ich nicht sagen, ich würde den Wendepunkt aber irgendwo im vergangenen Jahrhundert verorten. Das alles ist eigentlich völlig egal und könnte als ein Bekenntnis zum Kunstbanausentum abgetan werden, wenn ich dieses Gefühl, dieses Abstrakte-Kunst-Gefühl nicht auch bei Angelegenheiten bekäme, bei denen die Verbindung zum Kunstbereich alles andere als offensichtlich ist.

Wer zum Beispiel die Grundaxiome des LGBTQQIAAP-Aktivismus begreifen möchte, ohne durch das bloße Erfragen Unruhe zu stiften oder gar Gefühle zu verletzen, der wäre mit einem Begleitheftchen gut beraten. Ein Begleitheftchen zum Thema Intersektionalität könnte auch nicht schaden, bevor allzu objektiv über das Verhalten derer geurteilt wird, deren akkumulierte unterdrückte Identitäten als Frauen, Nichtweiße, körperlich Eingeschränkte oder—Gott behüte— Nichtbinäre die eigene  Situation als einen einzigen Nimbus gesellschaftlichen Privilegs erscheinen lassen. Praktisch für den täglichen Umgang ist das vielleicht nicht, eventuell sogar etwas hinderlich für das Miteinander mag es dem naiven Betrachter erscheinen, aber ein schneller Blick ins Booklet offenbart: Diesem Werk liegt das hehre Ziel zugrunde Unterdrückung und Ungleichheit endlich Abzuschaffen, und seine Schöpfer haben so manchen namhaften akademischen Abschluss. Und solange das Anliegen stimmt, ist das Werk sicher gut, da muss es nicht sofort verstanden werden, dem die Materie zu hoch ist. Für solche Menschen gibt es Begleitheftchen. Oder Framing Manuals, wie sich das heutzutage nennt. Worauf das ganze hinausläuft ist wohl auf lange Sicht der vollständige Ersatz der Tatsache durch die Intention des Tuenden. Und so wie formloses Gekrakel auf einer Leinwand von Experten zur Kunst deklariert wird, weil seine Intention die Dekonstruktion der Räumlichkeit ist (und Gott sei Dank macht das mal einer, diese furchtbare Räumlichkeit dekonstruieren), so kann auch das Dekonstruieren von Privilegien, Geschlechtern und der generellen Tyrannei des Alltags zum Gipfel moralischen Handelns erklärt werden. Wer da nicht durchsteigt, der mag wohl keine Moral oder es mangelt ihm vielleicht an der nötigen Intelligenz oder dem geeigneten Abschluss in der kritischen Theorie der Gesellschaftswissenschaft. Oder schlicht und ergreifend an Mitgefühl und dem Streben nach Gleichheit, den Schlüsselqualitäten des guten Menschen in einer schönen neuen Welt.

Am Fokus auf die Intention ist vielleicht etwas dran, jeder bewertet schließlich hin und wieder die Absicht mehr als die Tat. Man denke nur an kleine Kinder, denen geigt man auch nicht immer die Meinung zu ihren Leistungen. Wenn ein Kind ein Bild malt, sieht man gerne von allerhand Mängeln ab, wenn Perspektive und Größenverhältnisse nicht ganz stimmen, oder wenn bei dem Porträt von Mama die Gesichtszüge doch sehr grobschlächtig geraten sind. Der kreative Versuch wird in der Regel gelobt, die Figuren sind, was auch immer Sohn oder Tochter behaupten, dass sie sind, vielleicht wird das Werk gerahmt und an die Wand gehängt. Ein Verriss könnte Heulkrämpfe und Verzweiflung zur Folge haben, die man der jungen Psyche nicht zumuten möchte. Wenn aber ein Arbeitskollege ein Bild gleicher Qualität einreichen würde? Die Reaktion bestünde vermutlich in einem nervösen Lächeln und der Absicht bestehen, die Kontakt zum Kollegen künftig zu reduzieren. Von Erwachsenen wird meistens etwas mehr erwartet, vor konstruktiver wie destruktiver Kritik kann man sich durch Lob der eigenen Absichten schlecht schützen. Und Heulkrämpfe machen alles nur noch schlimmer. Von Erwachsenen wird erwartet, ein Mindestmaß an Kompetenz zu zeigen, und wenn sie auch nur dazu reicht, der Kritik ihrer Taten standzuhalten. Wenn mein Arbeitskollege nicht malen kann, dann ist das Schade, kosmisch betrachtet auch sehr unfair, aber ihn über dieses Manko hinwegzutäuschen macht es sicher nicht besser. Und vielleicht wären Kunstaustellungen auch ohne Booklet zu verstehen, würde öfter Mal das Offensichtliche, die Willkür und die Langeweile abstrakter Kunst angesprochen. Und vielleicht bräuchte man auch keine Begleithefte für das Politische, würde auch hier das Offensichtliche angesprochen. Zum Beispiel, dass die wohlgemeinte Apotheose des sexuellen Außenseiters einen bedeutungslosen Buchstabensalat fabriziert, der selbst für die meisten Homosexuellen nicht mehr verständlich ist. Oder dass das bloße Konzept der Intersektionalität einen Keil zwischen Menschen treibt, nur wegen vermeintlicher Privilegien um die sich normalerweise niemand geschert hätte. Oder dass Souveränität und Umverteilung nur schwer mit offenen Grenzen vereinbar sind. Jemandem mitzuteilen, dass er mit trotz guter Absicht nur Unsinn anstellt ist nicht leicht, aber der einzige Weg, künftigen Unsinn zu vermeiden. Und im Übrigen auch der einzig angemessene Umgang mit Erwachsenen.

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