70 Jahre Berliner Luftbrücke – Wider den Antiamerikanismus

MEHR LUFT! Die Kolumne von Chefredakteur Air Tuerkis

Bei der Euphorie um die Deutsche Einheit und den Fall der Berliner Mauer wird oft vergessen, dass es auch anders hätte ausgehen können. Es werden die Menschen und die Taten vergessen, die diese Einheit erst möglich gemacht haben, die uns Deutschen in Ost und West die Freiheit geschenkt haben. Es wird vergessen wie viel riskiert und geschuftet wurde, wieviel Mut und Entschlossenheit es Deutschland und mehr noch seine Verbündete gekostet hat, der kommunistischen Tyrannei zu widerstehen.
Einer dieser Taten will ich heute gedenken – auch um zu zeigen, dass die Freiheit meiner Heimatstadt Berlin nicht selbstverständlich ist: der Berliner Luftbrücke, deren erster Flug am 24. Juni 1948, heute vor 70 Jahren stattfand.

Nach dem Krieg, nachdem das gemeinsamen Ziel – der Sieg über den Nationalsozialismus – erreicht war, wurde Deutschland zwischen den vier Siegermächten aufgeteilt. Doch in kürzester Zeit zerbrach die antifaschistische Allianz: das Verhältnis zwischen West und Ost verschlechterte sich dramatisch. Die Differenzen zwischen Kommunismus und Freiheit hatten sich schon in der Iran-Krise abgezeichnet und spitzten sich nun weiter zu.
Churchill bemerkte schon 1946, es sei ein Eiserner Vorhang über Europa niedergegangen.

Damals (wie wir in Jörg Friedrichs ausgezeichnetem Buch „Yalu“ lesen können) herrschte keinesfalls ein Gleichgewicht der Kräfte: Nach dem 2. Weltkrieg hatten sowohl England als auch die Vereinigten Staaten den Großteil ihrer Bodentruppen aufgelöst, bzw. nach Hause geschickt. So standen nach dem Broiler-Plan 17 Heeresdivisionen auf westlicher 241 auf östlicher Seite gegenüber. In Europa sahen sich die 6 britisch- amerikanischen Verbände allein in Ostdeutschland mit 17 sowjetischen Divisionen konfrontiert. Bei einem konventionellen Krieg hätte Russland, nach Einschätzungen des amerikanischen Verteidigungsministeriums, binnen 60 Tagen an der französischen Atlantikküste stehen können. Das letzte Verteidigungsmittel der USA war die Atombombe, über die die UdSSR noch nicht verfügte. Doch deren Wirkung war weitaus geringer als die heutiger Fabrikate: Sie hatten einen im Vergleich zu heute sehr geringen Sprengradius und konnten daher nur über sehr dicht besiedelten Gebieten – wie Hiroshima oder Nagasaki – ihre verheerende Wirkung entfalten. Sie mussten noch per Flugzeug abgeworfen werden und da russische Luftabwehr und Luftwaffe, im Gegensatz zur japanischen, durchaus vorhanden war, konnte man nicht so einfach russische Städte attackieren. Zudem war die Anzahl der Sprengköpfe sehr begrenzt – für 1949 wird eine Zahl von 200 angegeben, zum Zeitpunkt der Luftbrücke waren es 50.
Die Befürchtung, Russland könnte dieses Risiko eingehen und angreifen, war durchaus realistisch – die Sicherheit Westeuropas stand auf Messers Schneide.

Berlin war Zentrum dieses neuen Konfliktes: Wäre es zu einem Krieg gekommen, hätte man das umzingelte West-Berlin nicht ansatzweise verteidigen können. Und das war auch den Strategen in Moskau klar. Die Führung der deutschen Kommunisten, so besonders Friedrich Wilhelm Pieck, der Vorsitzende der SED und spätere Präsident der DDR, wünschte sich von Moskau, die Amerikaner aus Berlin zu vertreiben. Es kam zu immer mehr Sticheleien, und Straßensperren vor Berlin. Der Ostblock wettete auf die Unterlegenheit des Westens und wollte durch das geschickte Ausspielen der Karten eine Vormachtstellung in Europa erringen. Als die West-Alliierten unter Ausschluss Ost-Deutschlands, am 20. Juni 1948 die D-Mark einführten, kam es zum großen Knall. Am 24. Juni 1948 wurden alle Zufahrtswege nach Berlin versperrt, außerdem wurde Strom- und Wasserversorgung abgeschnitten – die westliche Führung wurde überrumpelt.
Berlin konnte sich nur noch maximal einen Monat lang versorgen. Die Lage für die Bevölkerung Berlins war verheerend – es gab nur zwei Alternativen: Die dramatische Verschlechterung der Lebensbedingungen hinzunehmen oder dem Kommunismus in die Hände zufallen.

Was tun?
Die Überlegung, Berlin aufzugeben stand sehr wohl im Raum – von britischer Seite plädierte Feldmarschall Montgomery zunächst für einen Abzug ohne Prestigeverlust. Die republikanische Opposition in Amerika wollte auf keinen Fall einen Krieg riskieren, genauso wenig wie Frankreich. Doch zum Glück standen in Washington und London Generäle und Politiker, darunter Präsident Truman, noch unter dem Eindruck des 2. Weltkriegs. Sie erinnerten sich, wie man Hitler nachgab und die Tschechoslowakei opferte, sie erinnerten sich an die Appeasement-Politik Chamberlains und daran, wie sie letztendlich fast Europa gekostet hätte. Der amerikanische Militärgouverneur in Deutschland Lucius D. Clay brachte es auf den Punkt: „Wenn wir den Kontinent gegen den Kommunismus behaupten wollen, dürfen wir uns nicht vom Fleck rühren. Wenn wir Berlin aufgeben, wird als nächstes Westdeutschland geräumt.“.

Jener Clay fragte nun Berlins Bürgermeister Ernst Reuter (SPD, aber noch ein wahrer Demokrat), ob die abgeschnittene Berliner Bevölkerung bereit wäre, eine Versorgung durch die Luft für unbestimmte Zeit hinzunehmen. Freiheit oder Wohlstand – es war dramatisch, der Krieg lag in der Luft. Reuter entgegnete, Clay solle sich um die Luftbrücke, er werde sich um die Berliner kümmern. Berlin werde zugunsten der Freiheit die notwendigen Opfer bringen – es komme, was wolle.

Die Würfel waren gefallen – der Westen entschied sich, dem Druck der UdSSR nicht zu weichen, nicht zu kapitulieren, keinen freien Menschen unter dem Deckmantel des Friedens im Stich zu lassen und riskierte damit alles.
Schon 1945 wurden den West-Alliierten drei Luftkorridore nach Berlin zugesichert, von denen man nun Gebrauch machte. Man begann den gewaltigen Kraftakt, die ganze Stadt Berlin durch die Luft zu versorgen, am 26. Juni – vor genau 70 Jahren.
Selbst Ernst Reuter soll daran gezweifelt haben, dass die Luftbrücke Erfolg haben werde. Doch Großbritannien und die Vereinigten Staaten von Amerika scheuten keine Mittel – und so gelang es tatsächlich. Alle 1 1/2 Minuten landete eine Maschine in Berlin. Der Flughafen Tempelhof hatte 1948 ein doppelt so hohes Flugaufkommen wie der Flughafen Tegel heute.

Der Westen verhängte Wirtschaftsembargos über Ostdeutschland. Die Kriegsgefahr lag in der Luft, man musste täglich damit rechnen, dass die Rosinenbomber von sowjetischer Luftabwehr bzw. Luftwaffe attackiert wurden und eine Bodenoffensive folgen könnte. Doch so kam es nicht, und Berlin hielt stand.

Angesichts der wirtschaftlichen Nachteile für die SBZ – verursacht durch das Embargo – und des erkennbaren absoluten Willens zur Verteidigung West-Berlins, wurden die Zufahrtswege nach West-Berlin am 12. Mai 1949 wieder geöffnet. Nachdem die Lager in Berlin ausreichend aufgefüllt waren, landete am 30. November selbigen Jahres der letzte Versorgungsflieger.

In diesem einen Jahr absolvierten die West-Alliierten 277.569 Flüge und transportierten 1,5 Mio. Tonnen Kohle und 500.000 Tonnen Lebensmittel. Das alles ohne Boeing 747 und Düsentriebwerke – sondern mit der Technologie von 1948! Während der Luftbrücke ließen mindestens 101 Menschen ihr Leben. Der Druck auf die Piloten, in extrem kleinen Zeit- und Platzfenstern zu landen, war sehr hoch.
Trotzdem waren die Verluste nur etwa halb so groß, wie man zuvor erwartet hatte – auch technisch gesehen also eine Meisterleistung.

Der Westen hatte gesiegt – friedlich aber bestimmt wurde die Freiheit geschützt. Zurecht ging der Rosinenbomber als Symbol der Freiheit in die Geschichte ein, zurecht wurden an den Flughäfen Denkmäler gebaut, und zurecht gibt es heute den „Platz der Luftbrücke“ in Berlin. Man hatte demonstriert, dass kein einziger demokratischer Quadratmeter aufgegeben wird, dass man bis zum Äußersten gehen würde und fest entschlossen war, Freiheit, Demokratie und Rechtsstaat – komme was da wolle – zu schützen.

Am 26. Juni 1963 kam John F. Kennedy zum 15. Jubiläum des Beginns der Berliner Luftbrücke nach Berlin und sagte in seiner legendären „Ich bin ein Berliner“-Rede: „Ich bin stolz darauf, heute in Ihre Stadt in der Gesellschaft eines amerikanischen Mitbürgers gekommen zu sein, General Clays, der hier in der Zeit der schwersten Krise tätig war, durch die diese Stadt gegangen ist, und der wieder nach Berlin kommen wird, wenn es notwendig werden sollte.“

Ein anderes Symbol sendet der Westen heute aus: Wer sich an der Ukraine bedienen will, der soll das tun. Wer Israel ins Meer treiben will, meint das sicherlich nicht so. Wenn Faschisten eine Atombombe bauen, dann gilt nur die Devise: Bloß nicht provozieren. Wer Assad mal etwas entgegen stellt, ist ein Kriegstreiber. Die westliche Außenpolitik ist wieder in den 1938er-Modus zurückgekehrt: falsche Kompromisse, Frieden um jeden Preis, Kooperation mit autoritären Regimes.

Der neue verhasste amerikanische Präsident versucht zumindest, in Teilen eine standhafte Außenpolitik voranzutreiben – und was tut Deutschland, was tut Berlin? Man sagt, das transatlantische Verhältnis wäre gefährdet durch den lustigen Trollkopf in Washington, der ja ohnehin nur durch Russland an die Macht gehackt (?) wurde. In deutschen Buchläden sieht man zuallererst Bücher wie: „Nachruf auf Amerika – Das Ende einer Freundschaft und die Zukunft des Westens“, „Fremdes Land Amerika – warum wir unser Verhältnis zu den USA neu bewerten müssen“, „Verrat – geheime Treffen, schmutziges Geld und wie Russland Trump ins Weiße Haus brachte“, „Eiszeit – Wie Russland dämonisiert wird und warum das so gefährlich ist“, „Die den Sturm ernten – Wie der Westen Syrien ins Chaos stürzte“ und natürlich „Die neuen Paten“ (mit Bildern von Putin, Erdogan, Orban und Trump). Antiamerikanismus ist längst im Mainstream angekommen. Man verbündet sich lieber mit dem Iran gegen Amerika und Israel, anstatt einen Finger krumm zu machen für die Freiheit der Menschen im Iran oder die Sicherheit der Israelis.
Damals, vor 70 Jahren war man sich nicht zu schade, für die Freiheit der Menschen eines Landes, das einen kurz zuvor noch angegriffen und in totaler Weise bekämpft hatte, alles zu riskieren. Und heute sitzen wir auf unserem Wohlstand, undankbar und geschichtsvergessen und stellen es als Kriegstreiberei dar, wenn Amerika andere Länder schützen will, so wie es damals uns beschützt hat.

Amerika erzwang die Einheit Berlins, heute fallen wir Washington in den Rücken, wenn die Einheit und Freiheit Jerusalems auf der Agenda steht. In Deutschland hat man die Ideale der Freiheit und wehrhaften Demokratie, der Solidarität zu anderen freien Staaten längst aufgegeben.
Wilhelm Röpke bemerkte einmal: „In der Tat bleibt uns nichts anderes übrig, als von zwei Dingen eines zu tun: entweder unterzugehen, wie bisher die meisten Zivilisationen untergegangen sind, nämlich durch Selbstmord aus Verbindung von Dummheit, Lüge und Feigheit; oder, wenn wir das nicht wollen, tapfer, ehrlich und klug zu sein.“
An jenem Scheideweg stehen wir heute wie 1948. Damals waren wir tapfer, klug und ehrlich heute sind wir heuchlerisch und vor allem feige und illoyal.
Diese Politik können und dürfen wir, um unser eigenen Freiheit willen, nicht länger mittragen! Wir sollten den bedrohten Demokratien der Welt beistehen: Von Seoul bis Jerusalem, von Taipeh bis Kiew. Es gilt heute wie damals – Amerika bedeutet Freiheit.

 

5 Antworten

  1. riscobello sagt:

    Super Artikel wider die grassierende Dummheit!
    Ohne die „bösen Amis“ würden wir alle heute nicht das Leben führen, das wir führen.

  2. Christian K. sagt:

    Ich bin über achgut.com hier gelandet. Wirklich guter Artikel in allen Punkten!

    Schön, daß es doch noch echte und pro-westliche Liberale zu geben scheint.

    Der LJB alles Gute und irgendwann politischen Einfluß!

    MfG

    Ein alter Sack nahe der 40

  3. septuagenarian sagt:

    Habe es soeben auf AchGut gelesen (http://www.achgut.com/artikel/70_jahre_berliner_luftbruecke_wider_den_antiamerikanismus).
    Ein ausgezeichneter Text! Präzise, tiefgehend, klug.

    Und dann lese ich am Ende: „Der Autor ist 15 Jahre alt, Gründer der …“.
    Bin wirklich beeindruckt. Well done, young man – Weiter so!

  4. Eileen sagt:

    ich schließe mich meinen Vorkommentatoren an, unglaublich guter Artikel, ich freue mich sehr, daß es noch junge und nicht geschichtsvergessene Menschen gibt, mit so viel Durchblick und klaren Gedanken.

  5. mannomax sagt:

    Die Fakten mögen stimmen, die Hintergründe sind ausgetauscht. Ohne Kontrolle über Europa keine Weltmacht, darum ging es. Basiswissen Geopolitik, damals wie heute. Bei dem Geschwafel über Humanismus, Demokratie muss ich an die militärisch unnötigen Atomwaffentests über Hiroshima und Nagasaki denken. Zehntausende Kinder im Atomfeuer qualvoll gestorben. Durch die USA geführte oder verursachte Kriege 20-30 Millionen Tote seit dem 2. Weltkrieg. Berliner Bürger waren den US-Strategen jedenfalls egal. Solchen Mist liest man selten. Ein Schüler hat diese Propaganda für naive Geister jedenfalls nicht ausgetüftelt.

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