’68 und die Konterrevolution der Jugend

MEHR LUFT! Die Kolumne von Air Tuerkis

Ostern vor 50 Jahren wurde Rudi Dutschke, Studentenführer der 68er, in West-Berlin von einem antikommunistischen Hilfsarbeiter zweimal in den Kopf geschossen. Er entkam dem Tode nur knapp, behielt aber bleibende Behinderungen. In den folgenden Tagen kam es zu gewaltigen und gewalttätigen Protesten in ganz Europa. Die bekannteste Aktion: Der von Rudi Dutschke selbst ins Leben gesetzte Plan zur Belagerung der Springerpresse wurde umgesetzt. Autos brannten, die Arbeit wurde behindert, doch WELT, BILD & Co. konnten ausgeliefert werden – dank des Einsatzes von 21.000 Polizisten.
Seit diesen Tagen gehören Gewaltexzesse zu den Formen politischen Aktivismus‘ in der Bundesrepublik. Axel Springer war das Feindbild schlechthin für die linksrevolutionäre Bewegung. Die Springer-Presse war das Symbol für das „faschistische Finanzkapital“ und schrieb auch solide antikommunistisch und pro-amerikanisch (was im Hinblick auf den Vietnamkrieg auch für böses Blut sorgte).
Die Springer-Presse heute und damals im Vergleich ist ein Sinnbild für den Sieg der 68er und den radikalen Wandel der Gesellschaft: Es war nicht die linksradikale taz, die die #MeeToo-Kampagne voranbrachte, es war die exkonservative WELT. Und die BILD applaudierte stets für Frau Merkel, egal ob Grenzöffnung oder Klimarettung. Die Springer-Presse ist auf Merkel-Linie, also auf der Linie der CDU, die aber auch nicht mehr von der der Grünen zu unterscheiden ist.
Wie konnte das passieren? Wie konnte eine Bewegung, die mit nackten Brüsten und Ausscheidungsskandalen auf Theaterbühnen berühmt wurde, alle Institutionen, selbst die, von denen sie früher entschieden bekämpft wurde, unter ihre Kontrolle bringen und eine ganze Gesellschaft auf den Kopf stellen? Und: Was können wir aus der schleichenden Revolution der letzten 50 Jahre lernen, um das berühmte Pendel zurückschwingen zu lassen?
Wer in Großstädten wohnt, der kennt sie: Die „ewig junggebliebenen“ Alt-Hippies, bei denen das Alter leider keinen Scharfsinn mit sich brachte. Was den Sieg der 68er ausmachte, steht in den Sternen, aber sicherlich ein wichtiger Bestandteil des Siegeszuges ist die Kontinuität der politischen Haltung über ihr ganzes Leben. Aus jungen, linken Studenten wurden alte linke Akademiker, deren Söhne wieder links wurden. Die Söhne von Bürgerlichen wurden auch links. Die Jugend wurde links – so oder so. Und auch wenn es in den 90ern eine Bewegung in die andere Richtung gab, so konnte auch sie die Langzeitfolgen von ’68 nicht aufhalten. Denn es ist einfach, gegen konservative Eltern aufzubegehren, aber gegen kindgebliebene Revolutionäre ist kein revolutionäres Schwert zu schmieden. Kann es so was wie eine konterrevolutionäre Jugend überhaupt geben? Aktuell gibt es sie jedenfalls kaum.

Und da sitzt das Problem: Es ist in keiner Weise selbstverständlich, gar ein Naturgesetz, dass das Pendel einfach wieder zurückschlagen wird. Bürgerliche taugen eben nicht zur Revolution! Unis besetzen, Veranstaltungen sprengen, in Massen auf die Straßen gehen und randalieren, das machen noch nicht einmal die Neosozialisten von der Identitären Bewegung. Es widerspricht aber auch dem Wesen einer echten Opposition zur modernen Linken: Denn unser Kernanliegen sollte nicht der Kapitalismus oder Konservativismus sein, sondern der Erhalt der menschlichen Zivilisation, der Kultur. Es ist einfach, Kultur und Zivilisation zu brechen, aber eine solche zu erschaffen, dauert Jahrhunderte! Und auch wenn wir in die Geschichte blicken, ist die Theorie, dass die Gesellschaft „einfach so“ wieder umkehren könnte, fraglich: Das Pendel schwang nie allmählich zurück, nachdem eine revolutionäre Bewegung Fuß gefasst hatte. Die Revolution setzte sich bis zum Zusammenbruch fort: Erst mit Waterloo wurde die Französische Revolution beendet, erst der wirtschaftliche Zusammenbruch stoppte die UdSSR, erst ein Militärputsch konnte Salvador Allende stürzen, und es erforderte den blutigsten Krieg in der Geschichte, um die Nazis aufzuhalten. „Von alleine“ zurück kam das „Pendel“ aber nicht, und auch in Venezuela können wir uns derzeit nicht vorstellen, dass das Ganze ohne totalen Zusammenbruch enden wird! Deshalb ist es ein Irrglaube, die Zeit würde zwangsweise alle Wunden heilen, denn die Jugend, die heutige Jugend, ist vollkommen ihren Eltern gleich, wenn nicht noch schlimmer! Bei U18 Wahlen kommen die Grünen regelmäßig auf 16/17% während FDP und AfD jeweils bei gerade einmal 5 – 6 % stehen.
Ob 1968 und die Folgen daraus tatsächlich eine derartige revolutionäre Umwälzung darstellen, oder lediglich eine Ausformung ein und desselben politischen Systems, wird die Zukunft an eben dieser Frage, der Umkehrbarkeit des Ganzen, zeigen. Unser Finanzsystem, die „Flüchtlingskrise“ etc. lassen allerdings befürchten, dass das ganze System kollabieren wird und erst der Zusammenbruch die Wende bringt.
Wenn wir aber tatsächlich etwas ändern und die 68er aufhalten wollen (was zweifellos unser Ziel ist), dann müssen wir etwas selten Dagewesenes erfinden! Eine Form der bürgerlichen Aktion und die erste konterrevolutionäre Jugendbewegung! Wir dürfen die Taktiken der Linksradikalen nicht kopieren (wie es Teile der Rechten versuchen), sondern müssen gegenteilig zu ihnen agieren. Denn unser Feind ist nicht in erster Linie der Kommunismus, sondern der Untergang der westlichen Zivilisation. Wir müssen den „Kulturbruch“ wieder heilen, nicht einen weiteren Kulturbruch daraufsetzen. Dafür brauchen wir aber Kultur und Bürgerlichkeit und keine „Antifa von Rechts“.
In Zeiten von Gegenkultur ist das zivilisierte Bürgertum die wahre Revolution!

 

6 Antworten

  1. FreierRadikaler sagt:

    Sie sprechen mir aus der Seele. Ich hab keine Lust mir zerrissene Jeans anzuziehen und mir ein Käppi rückwärts aufzusetzen um gegen das Esteblishment zu protestieren. Auch will ich mich weiterhin duschen und versuchen die deutsche Sprache sinnvoll zu benutzen.

  2. Annamierl sagt:

    Was soll denn eine bürgerliche Konterrevolution sein! Die Bürgerlichen leben ihr Leben, bewahren und mehren – werden immer weniger, bis sie aussterben…

    • Air Tuerkis sagt:

      Das ist in der Tat ein Problem. Wie ich sagte: Revolutionen könnten nie aufgehalten werden, weil bürgerliche nicht zur Revolution (bzw. Konterrevolution) taugen. Das ist unsere Aufgabe: Wehrhaftes und aktives Bürgertum. Eine bürgerlich-demokratische Form des politischen Aktivismus. Dafür steht die LJB!

      • Annamierl sagt:

        Ich wäre ja gerne dabei, allein mir fehlt die Phantasie, wie das aussehen könnte.
        Eigentlich war das ja der Gründungsgedanke der AfD von Lucke und Co….
        Die 68er haben Deutschland in einen riesengroßen Kinderladen verwandelt: Die Kinder sind an der Macht. Was können dann die Erwachsenen (Bürgerlichen) tun, wenn sie keine Erziehungsberechtigung haben?
        Die Einzigen, die die Erziehungsberechtigung hätten – der Staat in Form von Durchsetzung des Rechtstaates, in Form von leistungsorientierter (Schul-) Ausbildung etc. – nimmt aber seinen Erziehungsauftrag nicht an, weil auch dort schon die Kinder an der Macht sind.
        Aber falls Ihr gute Ideen habt – ich mach mit!

  3. FreierRadikaler sagt:

    Das ist jadie Frage die der Autor anspricht: Sind die Bürgerlichen unpolitisch oder kann man Formen finden dass sie konterrevolutionär aktiv werden.

  4. NethernBavarian sagt:

    Ja grias God, des erschte Madl auf derer Wepsait!

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