Die ZEIT misst mit zweierlei Maß

Von ERIK SNIPER | Ich habe gestern einen Beitrag der ZEIT gelesen, der mich verärgert hat. In diesem wird die Diskussion um ein Verbot des Kopftuchs für Mädchen unter 14 bemängelt. Schon der erste Satz trieft vor Ignoranz und Faktenverdrehung. „Jede kopftuchtragende Frau erlebt alltäglich Angriffe. Erlebt ein Kippaträger dasselbe, schreit das ganze Land. Das ist inkonsequent.“, heißt es dort. Zuerst einmal sind missbilligende Blicke oder flapsige Sprüche auf kopftuchtragende Frauen nicht mit tätlichen Angriffen auf kippatragende Juden zu vergleichen, mal ganz davon abgesehen, dass Musliminnen nicht täglich „angegriffen“ werden. Jedenfalls habe ich noch nichts von jungen Frauen gehört, die vom bösen AfD-Wähler krankenhausreif geprügelt wurden. Aber weiter im Text. „Ja, man soll die Kippa tragen dürfen. Man kann jedoch nicht parallel zu dieser Forderung wochenlang über ein Verbot des Kopftuchs diskutieren, ohne dass der Eindruck der Heuchelei entsteht.“ Das ist schlicht und ergreifend eine falsche Darstellung der Positionen der Opposition. Strohmannargument nennt sich sowas. Es muss festgehalten werden: Ein generelles Verbot des Kopftuchs stand nie zur Debatte, es ging um das Verbot für Mädchen unter 14. Ich gebe der Autorin Recht, das Kippaverbot könnte auch für unter 14-jährige Jungen geltend werden, jedoch ist der elementare Sinn einer Kippa nicht, den Träger oder die Trägerin zu erniedrigen und vor den notgeilen Blicken eines jeden Mannes zu schützen. Das ist beim Kopftuch leider der Fall. „Menschen mit Kippa werden in Deutschland angegriffen. Das ist furchtbar, und es ist wichtig, das zu verurteilen. Das Land hat schließlich eine besondere historische Verantwortung. Was viele dabei aber vergessen: Es werden täglich Menschen aufgrund ihres vermeintlichen Andersseins oder ihrer Religion angegriffen, ohne dass jemand auch nur aufschauen würde.“ Hier wird wie bei Linken üblich die lineare Zeit verschwommen, um die Deutschen an ihre unschöne Vergangenheit zu erinnern:„Seht, der Islam hat es hier fast genauso schlimm wie die Juden damals!“ Dass der größte Teil des Judenhasses in Deutschland von Muslimen ausgeht, wird wie immer nicht erwähnt. Und weiterhin: Die Agression gegenüber anderen Glaubensbekenntnissen geht von Muslimen aus, nicht umgekehrt. Aber das war noch nicht alles: „Es geht mir nicht darum, aufzurechnen oder zu vergleichen. Ich möchte auch nicht sagen, uns Muslimen gehe es schlechter. Jede kopftuchtragende Frau erlebt Pöbeleien und Angriffe als Teil ihres Alltags: den noch warmen Kaffee, der einem absichtlich auf die weißen Sneaker geschüttet wird, die darauffolgenden Schimpfwörter, die dummen Sprüche, das Geschubse, die Blicke, die Jobs- und Wohnungsabsagen. Daran haben wir uns gewöhnt. Das gehört zu unserem Leben in Deutschland, und wir wollen uns nicht als Opfer inszenieren, schließlich gibt es auch muslimische Rassisten.“ Sie sagt, sie möchte weder aufzählen, noch vergleichen, doch genau das tut sie in den darauffolgenden Passagen. Lapalien, die von unliberalen Arschlöchern auf der Straße begangen und von keinem repräsentativen Deutschen akzeptiert werden, welche das Equivalent zu Prügel und Morddrohungen stellen sollen. Und sie gehören ganz sicher nicht zum Alltag in Deutschland, sonst würden wir doch in der ZEIT jedesmal davon lesen. Etwas anderes ist der Fall, da werden Pöbeleien und Beschimpfungen mal ganz schnell zu täglichen Angriffen, ein Böller auf dem Vorhof der Moschee wird zu einem Terroranschlag. Sie sagt, sie möchte sich nicht als Opfer inszenieren, doch ich schmecke das Salz bis hier. „Aber mich stört die tausendste Diskussion darüber, ob wir Muslime zu diesem Land gehören und ob man das Kopftuch nicht doch irgendwie verbieten kann. Wenn schon nicht für Lehrerinnen, dann wenigstens für Schülerinnen. Ja, man soll die Kippa tragen dürfen. Man kann jedoch nicht parallel zu dieser Forderung wochenlang über ein Verbot des Kopftuchs diskutieren, ohne dass der Eindruck der Heuchelei entsteht. Diese Inkonsequenz ist eines Rechtsstaates nicht würdig. Kopftuch, Kippa, Kreuz, Turban: Ein Verbot müsste alle betreffen.“ Ich hoffe, die Autorin wird nicht noch unter ihrem riesigen Strohmann begraben. Nie wollte irgendeine Person von politischer Relevanz das Kopftuch für alle verbieten. Lehrer und Schülerinnen (beziehungsweise ihre männlichen Familienangehörigen) könnten sich jedoch bald diesen Maßnahmen stellen müssen. Doch hier wird nicht zuende gedacht: eine Lehrerin hat die Aufgabe, junge Menschen zu eigenständigen, aufgeschlossenen und solidarischen Menschen zu erziehen, das wird durch das Tragen eines erniedrigenden, unterwürfigen, mittelalterlichen Kleidungsstückes, dass dazu noch sämtlichen Frauen, die in arabischen Ländern vom Staat zum Tragen jener gezwungen werden die kalte Schulter zeigt um einiges erschwert. Für junge Mädchen gilt: Würden diese nicht von meist männlichen Familienangehörigen zum Tragen eines Kopftuchs gezwungen, würde niemand auch nur über ein Verbot nachdenken. Solche Fälle sind aber bekannt und deshalb müssen junge Mädchen vor diesen traumatischen Kindheitserlebnissen bewahrt werden, solange sie nicht selbst religionsmündig sind. Und nein, einem Rechtsstaat ist nicht würdig, dass für Muslimas und ihre religiösen Wahnvorstellungen eine Ausnahme vom allgemein gültigen Verhüllungsverbot gemacht wird. „Ich finde es auch nicht gut, wenn kleinen Kindern das Kopftuch aufgenötigt wird. Doch ausgerechnet dieses Randphänomen, zu dem es nicht mal Zahlen gibt, soll zu einer Sexualisierung von Kindern führen? In Zeiten von frauenverachtenden Castingshows, sexualisierender Mode, geschlechterspezifischem Spielzeug und einer in Teilen sexistischen Populärkultur spricht niemand über die nachgewiesenen Auswirkungen auf die Kinderzimmer, und niemand fordert ein Verbot dieser Massenphänomene. Stattdessen lassen wir uns über bereits diskriminierte Minderheiten aus.“ Ich finde lustig, dass sie am Anfang dieses Absatzes bemängelt, dass es keine Zahlen zu diesem „Randphänomen“ gibt, aber dann Fantasiegebilde aus der feministischen Spielzeugkiste holt und damit um sich wirft, als hätte sie eine Ahnung davon, wie es sich anfühlt, in diesem Land diskriminiert zu werden, Mal ganz davon abgesehen, dass sie sich mit dem Tragen des Kopftuchs nur selbst erniedrigt. Frauen, die im Iran eingesperrt werden, weil sie ihr gesetzlich vorgeschriebenes Kopftuch auf Protesten ausziehen, können ihr ein Liedchen von Diskriminierung singen. „Nachgewiesen“, das schreibe ich demnächst auch so in meine Doktorarbeit. Mit dem letzten Satz könnte man auch seine Suppe salzen. Aber bald haben wir es geschafft. “Wenn wir uns über antisemitische Hetze aufregen, dann bitte auch über die antimuslimische und sexistische. Dann erst sind wir glaubwürdig. Erst dann haben wir eine Chance, die Wurzel jenes Denkens zu bekämpfen, das menschenverachtendes Verhalten hervorruft. Mit Fairness und Gerechtigkeit für alle bewirken wir mehr als mit einseitigen Verboten, die Minderheiten ausgrenzen. Die Lehre, die wir aus dem Holocaust ziehen, kann nicht lauten, dass sich das „Nie wieder“ nur auf eine bestimmte Gruppe von Menschen bezieht. Sie muss lauten: Nie wieder wollen wir Menschen ausgrenzen, die anders sind als wir oder eine andere Religion haben als wir.“ Mit den letzten Sätzen wird quasi versucht, Rassenwahn und antisemitische Massenmorde mit der Ablehnung der muslimischen Religion gleichzusetzen. Dies setzt der vorhergegangenen Aufzählung solcher Nicht-Skandale noch die Krone auf. Einen solch verlogenen, heuchlerischen und ekelerregenden Artikel musste ich lange nicht mehr lesen. Helmut Schmidt rotiert im Grab.